Was bringt die Zukunft?

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1929 und 2008

Um mögliche weitere Entwicklungen abschätzen zu können, werden häufig die Krisen von 1929 und 2008 miteinander verglichen. Zwischen all den Unterschieden und Gemeinsamkeiten – die sich teilweise in technischen Details, Zahlenvergleichen und Anekdotischem verlieren – sticht vor allem eine bedenkliche Übereinstimmung hervor: In beiden Fällen spielt die Dominanz einer Nationalwährung im Welthandel eine wichtige Rolle. Denn 1929 hatte das britische Pfund die Stellung, die heute der US-Dollar einnimmt: Es diente als die vorrangige Transaktionswährung im Welthandel. Die Weltwirtschaftskrise erreichte ihren Höhepunkt erst, nachdem das britische Pfund zwei Jahre nach dem Börsenkrach von 1931 die Bindung an Gold aufgeben musste – und zwar aufgrund des Triffin-Dilemmas:

… in 1928 … betrugen die Goldreserven der Bank of England (…) weniger als ein Viertel der [Pfund] Sterling-Depots und -Noten, die in London auf ausländischen Konten gehalten oder entgegengenommen wurden. Die zunehmende Verwendung von Devisenguthaben als Behelf gegen die weltweite Illiquidität des neuen Gold-Devisen-Standards führte zu einer fatalen Schwächung der Reserveposition des Landes, von dem das fortlaufend Funktionieren des Systems abhing. Als in 1931 die Hauptleitwährung des Systems kollabierte, hat dies zwangsläufig andere Länder mit sich in den Strudel gerissen und verursachte den temporären Zusammenbruch nicht nur des [Pfund] Sterling, sondern des gesamten internationalen Währungssystems.[1]

Durch das zusammenbrechende Pfund verlor die Weltwirtschaft ihr Medium der internationalen Liquidität, und der Handel musste in zunehmendem Maße auf ein altbewährtes Mittel zurückgreifen: Gold. Aber Gold war knapp und konnte den durch das wegfallende Pfund entstehenden Mangel an internationaler Liquidität kaum decken. US-Präsident Herbert Hoover vermerkte in seinen Memoiren, dass Gold und kurzfristige Kredite sich nun verhielten, wie

eine losgerissene Kanone an Deck des Weltschiffes in einer von einem Orkan heimgesuchten Zeit. [2]

Zusammenfassung

Nicht der Börsenkrach von 1929, sondern erst der in seiner Folge eintretende Zusammenbruch des britischen Pfunds im Jahr 1931 und der damit verbundene Verlust an internationaler Liquidität führten schließlich in die Weltwirtschaftskrise, aus bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieg andauerte.

"Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen."[3]

Wie sich die Welt nach der Krise von 2008 weiter entwickelt, wird ganz wesentlich von einer Frage bestimmt: Was wird aus dem US-Dollar? Wird er sich als Weltleitwährung halten? Falls er sich nicht halten kann, was kommt danach?

2008: Ende des Dollarbooms

George Soros sieht in der Krise von 2008 das Ende der weltweiten Kreditexpansion, die auf dem US-Dollar als Reservewährung basierte. In den periodischen Krisen der Vergangenheit erkennt Soros dabei nur Auswüchse eines sehr viel größeren "Boom-bust"[4]-Prozesses, in dem die gegenwärtige Finanzkrise nur Höhepunkt eines "Super-Booms" war, der über 25 Jahre lang andauerte.[5]

Die Immobilienkrise war nur der Tropfen, der das Fass schließlich zum Überlaufen, die seit Jahrzehnten anschwellende Blase zum Platzen brachte. In den vorangegangenen Jahrzehnten des "Super-Booms" entwickelten sich die USA zum höchst verschuldeten Land der Welt, wobei die Expansion der USA und die ihr zugrunde liegende Kreditexpansion der gesamten Weltwirtschaft als Motor dienten.

Wenn die Analyse von Soros zutrifft – wofür etliches spricht – und der über Jahrzehnte anhaltende Dollarboom sein Ende gefunden hat, so fehlt der Weltwirtschaft nun auch ihr wichtigster Antriebsmotor der letzten Jahrzehnte. Das Modell "Wirtschaftswachstum durch US-Kreditexpansion" hätte ausgedient.

UN und BRIC-Länder fordern bereits Nachfolgewährung für den US-Dollar

Falls die Ära des US-Dollars als Weltleitwährung nun tatsächlich ihrem Ende zugeht, so müsste es oberstes Ziel sein, eine Wiederholung der Ereignisse nach 1931 – als das britische Pfund zusammenbrach – zu verhindern. Daher sollte eine Alternative zum US-Dollar aufgebaut werden, bevor er in seiner Verwendung als internationale Liquidität zusammenbricht. Mit den ersten Schritten in diese Richtung hat die UN noch in 2008 – nach dem Ausbruch der gegenwärtigen Finanzkrise – begonnen und eine "Expertenkommission zur Internationalen Geld- und Finanzreform" damit beauftragt,

die Ursachen der Krise zu untersuchen, deren Auswirkungen auf die Länder der Welt zu ermitteln und angemessene Vorschläge zu erarbeiten, um eine Wiederholung der Krise zu verhindern und die globale Stabilität der Wirtschaft wiederherzustellen.[6]

Der Vorsitzende dieser UN-Kommission, Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph E. Stiglitz, merkte in einem Interview über eine zukünftige Neuordnung des Weltwährungssystems an:

Eine Reservewährung muss stabil sein, und das ist der Dollar nun mal seit geraumer Zeit nicht: Die Bilanz der US-Notenbank ist surreal, die Fed hat sich auf unerforschtes Terrain begeben, wir müssen uns ernsthaft Sorgen machen um die Inflation und ihre Folgen für den Dollar.[7]

In ihrem ersten Bericht vom 20.03.2009 empfiehlt die UN-Kommission unter Hinweis auf das Triffin-Dilemma, den US-Dollar als Weltleitwährung durch eine neu zu schaffende, übernationale Reservewährung zu ersetzten; die in diesem Bericht genannten Vorschläge zur konkreten Umsetzung erinnern stark an die Schriften von Keynes und Triffin:

Zur Lösung dieses Problems könnte ein neues Global Reserve System (…) zu globaler Stabilität, ökonomischer Stärke und globaler Gerechtigkeit beitragen. (…) Die Gefahren eines Reservesystems, das auf der Währung eines einzigen Landes beruht, sind seit langer Zeit bekannt, da die Aufhäufung von Schulden deren Vertrauen und Stabilität untergräbt. Aber ein Zwei-(oder Drei-)Währungssystem, auf das die Welt zuzusteuern scheint, ist möglicherweise genauso unbeständig. Das neue Global Reserve System ist machbar, nicht inflationär und ließe sich auf einfache Weise implementieren, zudem in einer Weise, welche die Schwierigkeiten mildern würde, die durch den asymmetrischen Ausgleich zwischen den Überschuss- und Defizitländern verursacht werden.[8]

Man könnte nun meinen, dass es sich hierbei nur um die Empfehlung einer zahnlosen akademischen Expertenrunde handelt und es für die Durchsetzung der Empfehlung an der notwendigen politischen Unterstützung mangelt.

Weit gefehlt: die sogenannten BRIC-Länder (Brasilien, Russland, Indien, China) sind nahezu zeitgleich mit derselben Forderung an die Öffentlichkeit getreten – am prominentesten mit der bereits oben erwähnten Rede von Zhou Xiaochuan, Chef der Chinesischen Zentralbank, in der dieser die Abschaffung nationaler Fiatwährungen als Medium internationaler Liquidität fordert:

Das erstrebenswerte Ziel einer Reform des internationalen Währungssystems besteht daher in der Schaffung einer internationalen Reservewährung, die nicht an bestimmte Nationen gebunden ist und es vermag, langfristig stabil zu bleiben. Hierdurch werden die inhärenten Unzulänglichkeiten beseitigt, die durch die Verwendung von nationalen und aus Kredit geschöpften Währungen bedingt sind.[9]

UN-Expertenkommission und BRIC-Länder ziehen also bereits am gleichen Strang, wobei das politische Gewicht der BRIC-Länder nicht zu gering eingeschätzt werden sollte: Denn sie vereinen fast die Hälfte der Weltbevölkerung und sind die größten Kreditgeber der USA – allen voran China.

Der Vorschlag der UN-Kommission erinnert auch in einem weiteren Punkt dem Vorschlag von Keynes: der Errichtung einer übernationalen Instanz zur Koordinierung der Weltwirtschaft. Diese von der Kommission geforderte neue Instanz soll alle Kontinente und Ökonomien vertreten und unabhängig von UN-Sicherheitsrat und UN-Vollversammlung handeln können. Sie soll daher auf der gleichen Ebene wie Sicherheitsrat und Vollversammlung angesiedelt sein und so eine demokratische Alternative zu den bisherigen Strukturen darstellen:

Es muss ein Forum der globalen Vertretung geschaffen werden, das sich in umfassender Weise um das Funktionierens des globalen Wirtschaftssystems kümmert. Auf der gleichen Organisationsebene wie Generalversammlung und Sicherheitsrat angesiedelt, sollte sich so ein Weltwirtschaftsrat jährlich auf der Ebene der Staats- und Regierungsoberhäupter treffen, um Entwicklungen abzuschätzen und in wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Belangen Führung anbieten zu können. (…) Die Vertretung würde auf dem Prinzip der Wahlbezirke basieren und so ausgelegt sein, dass alle Kontinente und alle wichtigen Ökonomien berücksichtigt werden. (…) Es könnte daher eine demokratisch-repräsentative Alternative zu den G-20 darstellen.[10]

Wenn dies alles so kommen würde, wäre das viel mehr als nur ein später Triumph für Keynes und Triffin; es wäre der wichtigste Schritt hin zu einer Globalisierung, die sich dann nicht mehr nur nach den nationalstaatlichen Zielen privilegierter Supermächte und den kommerziellen Zielen transnationaler Konzerne ausrichten müsste, sondern auch die Ziele der Menschen dieser Welt verfolgen könnte – zuvorderst die Erhaltung unserer natürlichen Lebensgrundlagen, die Schaffung und Sicherung von Frieden sowie die Bekämpfung der Armut in aller Welt. Denn die von der UN-Kommission vorgeschlagene neue übernationale Währung würde die Finanzierung von Kriegen in der Größenordnung des Vietnam- oder Irakkriegs deutlich erschweren (wenn nicht gar ausschließen) und die Finanzierung globaler Belange deutlich erleichtern.

Eins, zwei oder drei? Egal – sagt Triffin

Zum jetzigen Zeitpunkt ist jedoch noch nicht abzusehen, ob der US-Dollar tatsächlich als internationale Liquidität ersetzt werden wird. Die UN-Kommission weist auf die sich abzeichnende Entwicklung hin, wonach hierfür in Zukunft möglicherweise zwei oder auch drei Nationalwährungen parallel verwendet werden könnten, der schwächelnde US-Dollar also durch Euro und Yen ergänzt würde.

UN-Kommission und die BRIC-Länder mahnen, dass auch in diesem Fall das Triffin-Dilemma immer noch wirken würde und sich dann zusätzlich zu den USA auch Europa und Japan bei aller Welt verschulden müssten, damit ihre Währungen als internationale Liquidität zur Verfügung stehen können. Die nächste Krise wäre bereits angelegt.

Eine dauerhafte Lösung kann daher nur in der Schaffung einer übernationalen Währung als Medium der internationalen Liquidität bestehen.

Internationale Liquidität, 2. Teil

Wir stehen also möglicherweise vor der gleichen Diskussion, wie sie Keynes und andere in den 1940ern führten. Gelegenheiten dieser Art kommen nur selten, und der Ausgang der Debatte wird die Entwicklungsmöglichkeiten unserer Welt über viele Jahrzehnte hinaus bestimmen. Deshalb sei hier aufgrund der Parallelen noch einmal ein Rückblick auf den Ursprung der Gedanken von Keynes erlaubt, da er das Versagen des laissez-faire – dessen heutige Entsprechung der Neoliberalismus ist – erläutert und anführt, dass in dem Zusammenbruch des Systems nun auch die Chance zu sehen ist, ganz neue Richtungen einschlagen zu können:

Anzunehmen, dass ein problemlos funktionierender und automatischer Ausgleichsmechanismus zur Erhaltung des Gleichgewichts darin bestünde, einfach den Methoden des laissez-faire zu vertrauen, ist eine doktrinäre Illusion, welche die historischen Lehren ignoriert, ohne dabei von einer stichhaltigen Theorie gestützt zu werden. [Laissez-faire] war eine fruchtbare Quelle all jener tollpatschigen Handelshindernisse, die von Not leidenden Gesellschaften in ihrer Ratlosigkeit ersonnen wurden, da sie zumindest besser als nichts waren, um sich gegen die unerträglichen Belastungen zu schützen, die dem Währungsdurcheinander entsprangen. Noch bis vor Kurzem haben alle vom internationalen laissez-faire abweichenden Ansätze die Symptome behandelt anstelle der Ursache.
Das internationale Währungs-laissez-faire war vor dem Krieg rasch zusammengebrochen. Während des Krieges ist es komplett verschwunden. Dieser vollständige Bruch mit der Vergangenheit bietet uns eine Gelegenheit: heute sind Dinge möglich, die unmöglich gewesen wären, wenn sie eine vorherige Aufgabe des eingeführten Systems bedingt hätten.[11]

Keynes beschreibt weiter, dass die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen gewissermaßen als Labor für eine ganze Reihe verschiedener Experimente diente, die jedoch alle scheiterten:

Darüber hinaus hat die Welt in der Zeit zwischen den Kriegen in schneller Abfolge beinahe wie in einem intensiven Laborexperiment alle falschen Lösungsansätze erkundet –

(i) die Vorstellung, dass ein frei schwankender Markt aus sich heraus einen Gleichgewichtszustand finden würde;

(ii) freizügige Kredit- und Darlehensvereinbarungen zwischen Gläubiger- und Schuldnerländern, die der bloßen Tatsache einer unausgeglichenen Schuldner-Gläubiger-Position entspringen, ausgehend von der nicht zutreffenden Analogie der nur oberflächlich ähnlichen Transaktionen des 19. Jahrhunderts zwischen alteingesessenen und sich neu entwickelnden Ländern, wobei sich die Darlehen selbst auflösten, da sie selbst bereits neue Quellen von Zahlungsmitteln darstellten;

(iii) die Theorie, wonach der unbehinderte, freie Fluss von Gold automatisch zu einer Anpassung des Preisgefüges und der Aktivität in dem Empfängerland führen und sich hierdurch eine Umkehrung des [Preis-]Drucks ergeben würde;

(iv) die Anwendung von Deflation, oder gar schlimmer kompetitiver Deflationen, um eine Anpassung der Preise von Löhnen und Gütern zu erzwingen, wodurch der Handel in neue Kanäle gezwungen oder begünstigt würde;

(v) die Anwendung gezielter Währungsabwertung, oder gar schlimmer kompetitiver Währungsabwertungen, zur Erzielung des gleichen Zwecks;

(vi) die Errichtung von Zöllen, Vergünstigungen, Subventionen et hoc genus omne, um das Gleichgewicht des internationalen Handels durch Beschränkung und Benachteiligung wieder herzustellen.[12]

Diese Liste fehlgeschlagener Experimente könnte man nun noch um jene aus der Zeit ab 1944 ergänzen. Also:

(vii) nationale Währung als Weltleitwährung mit festen Wechselkursen und Goldbindung;

(viii) nationale Währung als Weltleitwährung mit festen Wechselkursen ohne Goldbindung;

(ix) nationale Währung als Weltleitwährung mit freien Wechselkursen.

Über das von Hjalmar Schacht entwickelte und von Funk als europäische Neuordnung vorgesehene System des Gütertauschs merkte Keynes damals an, dass dies in nachgewiesener Weise hervorragend funktionieren würde und Deutschland die Finanzierung des Krieges ermöglicht hatte, obwohl es verarmt war und daher kaum Geld hatte. Das Neue – und für Keynes begeisternde – der Idee Nazi-Deutschlands bestand darin, dass in diesem System Geld nur noch eine unwesentliche und dem Wirtschaften untergeordnete Rolle spielt und der Handel auf diese Weise nicht mehr von den negativ wirkenden Kräften einer geldorientierten Logik stranguliert wird. Handel nicht um des Geldes, sondern um des Handels willen. Natürlich, Nazi-Deutschland verfolgte die abscheulichsten Absichten, aber die technischen Grundlagen dieser Wirtschafts- und Geldmethode kann auch für gute Ziele eingesetzt werden:

Erst in den letzen Jahren, um nicht zu sagen in den letzten Monaten vor dem Crash, und nach den oben erwähnten Versuchen und Irrtümern ist Dr. Schacht in der Verzweiflung auf etwas Neues gestoßen, das in sich den Keim einer technisch guten Idee trug. Diese Idee bestand darin, den Knoten zu durchtrennen, indem man die Verwendung einer Währung mit internationaler Gültigkeit als unbrauchbare Lösung beiseite legt und durch etwas ersetzt, das letztlich einem Tauschhandel gleichkommt, nicht jedoch zwischen Einzelpersonen, sondern zwischen verschiedenen ökonomischen Einheiten. Hierdurch gelang es ihm, zum grundsätzlichen Charakter und dem ursprünglichen Zweck des Handels zurückzufinden und zugleich die Maschinerie zu verwerfen, die den Handel erleichtern sollte, ihn aber tatsächlich strangulierte. Diese Innovation hat nicht nur gut, sondern hervorragend für jene funktioniert, die sie umgesetzt haben, und es dem verarmten Deutschland ermöglicht, Rücklagen zu bilden, ohne die es den Krieg kaum hätte beginnen können. Aber wir sollten, wie Mr. Henderson zu Recht bemerkt, uns nicht durch die Tatsache, dass diese Methode im Dienst des Bösen stand, blenden lassen und vielmehr ihre möglichen technischen Vorzüge im Dienste einer guten Sache erkennen. 'Falls Deutschland', so legte er dar, 'sich Butter anstelle von Kanonen oder Flugzeugen erhofft hätte, so gibt es keinen Grund daran zu zweifeln, dass Dr. Schachts Hilfsmittel es nicht ermöglicht hätten, die Butter anstelle des Metalls aus dem Ausland zu beziehen.' Darüber hinaus stellt die Anwendung dieser Methode unter rücksichtsloser Missachtung der legitimen Bedürfnisse der Handelspartner eine typisch deutsche Art der Umsetzung dar und ist ihr keineswegs inhärent – was wir in den von uns selbst entwickelten methodischen Varianten nachweisen konnten, mit deren Hilfe es uns sogar in der Zeit des Krieges gelingt, unsere finanzielle Front aufrechtzuerhalten.[13]

Was wäre Geld, wenn wir es neu erfinden würden?

Es bleibt zu hoffen, dass sich die Nationalstaaten dieser Welt trotz ihrer gegensätzlichen Interessen über die Einführung einer übernationalen Währung für den Welthandel einigen werden. Es liegt an uns allen, unsere jeweiligen nationalen Vertreter dahingehend zu bestärken.

Aber wir können noch mehr leisten. Denn eine neue Wirtschafts- und Geldordnung muss heutzutage nicht mehr notwendigerweise von den Nationalstaaten geschaffen werden, sondern kann dank Internets und neuen IT-Technologien auch von der Gesellschaft selbst betrieben werden. Wir können unser Geld selbst definieren: Denn alles, was eine Gesellschaft zu Geld erklärt, ist Geld.

Wenn wir es also heute neu erfinden würden, wie würde unser Geld dann aussehen? Aus diesem Gedanken heraus ist folgendes Projekt entstanden, das sich bereits in der konkreten Umsetzungsphase befindet:

Das können wir doch selbst!

Der Grundgedanke ist einfach: Wie sähe eine Fortentwicklung von Keynes' Bancor und der International Clearing Union aus, wenn man die zugrunde liegenden Prinzipien auf die Verwendung moderner Technologien übertragen würde? Und wenn man anstelle nationalstaatlicher Strukturen die Möglichkeiten des Internets und anderer moderner Kommunikationsmittel nutzen könnte?

Internet Clearing Union

Die Antwort könnte lauten: Bancor auf dem Handy oder vielleicht auch: Internet Clearing Union. Und sieht dann in etwa so aus:

Jeder Teilnehmer bestimmt für sich selbst, in welchem Gut (bzw. Währung) er oder sie die eigene Kontoführung wünscht: in Gold, Silber, Kaffee, Kilowattstunden, Euro, Dollar etc. oder einem Warenkorb, der sich aus nahezu beliebigen Bestandteilen zusammensetzen könnte.

Nehmen wir nun als Beispiel an, Aurelia würde ihr Konto in reinem Gold führen und in einem Restaurant sitzen, das sein Konto in Kaffee führt. Nach dem Essen erhält Aurelia eine Rechnung über 32,50 Euro. Sie bestätigt diesen Betrag, und von ihrem Konto wird nun Gold im Wert von 32,50 Euro abgebucht und dem Restaurant Kaffee im Wert von 32,50 Euro gutgeschrieben.

Auf diese Weise wird der Restaurantbesuch auf einen reinen Gütertausch zurückgeführt: Aurelia erhält Essen, das Restaurant bekommt Kaffee. Geld spielt dann eine dem Gütertausch untergeordnete Rolle, denn es tritt nur noch auf der Speisekarte und der Rechnung in Erscheinung.

Auch in der technischen Abwicklung des Zahlungsvorgangs treten die Euros nur noch in einer untergeordneten Funktion auf, denn sie dienen nur als Wertmaßstab der gegeneinander verrechneten Güter: Nachdem Aurelia bestätigt hat, dass sie dem Restaurant 32,50 Euro bezahlen will, wird von ihrem Goldguthaben eine entsprechende Menge Gold verkauft, um 32,50 Euro zu erlösen; mit diesem Erlös wird noch im gleichen Sekundenbruchteil die entsprechende Menge Kaffee angekauft und dem Restaurant gutgeschrieben. (Genau genommen treten aber selbst hier die Euros nur noch im Ausnahmefall in Erscheinung, da nicht jeder einzelne kleine Zahlungsvorgang aufgelöst werden muss; ein großgedachtes System wird sich einer Clearingstelle bedienen und nur die jeweiligen Salden etwa am Ende eines Tages, einer Woche, eines Monats durch An- und Verkauf auflösen müssen.)

Dieses System macht sich die Fähigkeit des Internethandels zunutze, jederzeit den Wert von allem mit allem vergleichen zu können: Dollar mit Öl, Schweinebäuche mit Yen, Fensterglas mit Sojabohnen. Daher ist es möglich, dass jeder Nutzer sein Konto jederzeit auf eine andere Einheit umstellt oder auch eine Auszahlung in einer beliebigen Nationalwährung veranlasst. Der Restaurantbesitzer kann sich also am nächsten Geldautomaten die von Aurelia erhaltene Kaffeegutschrift in Form von Eurogeldscheinen ausbezahlen lassen.

Er könnte auch eine physikalische Lieferung von Kaffee, Gold oder Sojabohnen veranlassen, was dann jedoch zu Spesen führen würde, wie sie physikalische Lieferungen von Gütern eben immer verursachen. Für einen Industriebetrieb – etwa eine Verzinkerei – könnte es jedoch vorteilhaft sein, ein Konto in Zink zu führen und das benötigte physikalische Zink direkt über dieses Konto zu beziehen.

Open Source

Dieses System muss offen sein und so allen die Teilnahme und die Verwendung ermöglichen. Nicht nur, weil Handel und Wirtschaften ein sozialer Vorgang sein sollte, sondern um auf diese Weise Manipulation und Missbrauch des Systems zu unterbinden. Durch die Verwendung offener Standards können zudem auch die Tausenden Komplementärwährungen dieser Welt auf dieser Plattform verrechnet werden – wiederum gegen alles andere. Also Ithaca Hours gegen Sojabohnen, Chiemgauer gegen US-Dollar oder Talente gegen Heizöl.

Sir Gresham findet's gut

Laut Gresham's Law fördert Annahmepflicht die Verwendung schlechten Geldes. Ein System, das nun anstelle einer Annahmepflicht die offene Verrechnung von allem gegen alles ermöglicht, fördert die Verwendung guten Geldes. Die verschiedenen Güter, Nationalwährungen und Komplementärwährungen stünden zueinander in einem freien Wettbewerb.


Frei von Zins, Inflation und Währungsschwankungen

Da die Konten in Gütern geführt werden können, sind sie frei von Zins, Inflation und Währungsschwankungen. Natürlich bleiben die Schwankungen der Güter zueinander (Kaffee zu Gold) und in der Zeit (Getreide im Sommer und im Winter) erhalten, werden aber nicht mehr zusätzlich mit den Schwankungen der Nationalwährungen multipliziert.

Die Anomalie der Arbeitslosigkeit in einer Welt voller Bedürfnisse

Ein solch universell anwendbares Tauschsystem könnte einen wichtigen Schritt zur Verwirklichung von Keynes' Vision für das Jahr 2030 darstellen, die er 1930 in seinem Essay "Die wirtschaftlichen Möglichkeiten unserer Enkel"[14] entwickelte und in dem er auf die "ungeheuerliche Anomalie der Arbeitslosigkeit in einer Welt voller Bedürfnisse" hinwies.

Denn unser derzeitiges Fiatgeldsystem hemmt die Vermittlung zwischen Angebot (Arbeit) und Nachfrage (Bedürfnisse), da das Fiatgeld bereits existieren muss, bevor es zwischen diesen beiden an sich unbegrenzt zur Verfügung stehenden Dingen vermitteln kann. Da es aus Kredit – also Vertrauen – geschöpft wird, gibt es von ihm am meisten, wenn man es am wenigsten benötigt und am wenigsten, wenn der dringendste Bedarf besteht: in einer Krise.


Fußnoten

  1. Übersetzung des Autors, "(…) in 1928 (…) the gold reserves of the Bank of England (…) were less than a fourth of sterling deposits and bills held or accepted in London on foreign account. The increasing use of foreign exchange balances as a remedy to world illiquidity under the new gold exchange standard had thus fatally weakened the reserve position of the country on which the system was primarily dependent for its continued operation. The collapse of the major key currency of the system in 1931 inevitably sucked other countries into the whirlpool, and entailed the temporary breakdown, not only of sterling, but of the international monetary system itself." Triffin, Robert, Gold and the dollar crisis. The future of convertibility. New Haven und London: Yale University Press 1961, 66.
  2. Hoover, Herbert, Memoiren. Bd. 3: Die große Wirtschaftskrise, 1929–1941. Mainz: Grünewald, 72, 188. Zitiert nach Kindleberger, Charles P., Die Weltwirtschaftskrise. Geschichte der Weltwirtschaft im 20. Jahrhundert., Band 4. Hrsg. von Wolfram Fischer, München: Deutscher Taschenbuchverlag 1973, 160.
  3. Zitat zugeschrieben u.a. Karl Valentin, Mark Twain, Winston Churchill.
  4. "Boom-bust process" bezeichnet den Vorgang des Aufblasens einer Blase ("Boom") und dessen Platzen ("Bust").
  5. "The current crisis marks the end of an era of credit expansion based on the dollar as the international reserve currency. The periodic crises were part of a larger boom-bust process; the current crisis is the culmination of a super-boom that has lasted for more than twenty-five years." Soros, George, The new paradigm for financial markets: the credit crisis of 2008 and what it means. New York: PublicAffairs 2008, vii.
  6. Übersetzung des Autors, "(…) whose mandate is to reflect on the causes of the crisis, assess impacts on all countries and suggest adequate responses as to avoid its recurrence and restore global economic stability." http://www.un.org/ga/president/63/commission/financial_commission.shtml, 29.4.2009.
  7. Foroohaar, Rana, 28.3.2009, We're In A Whole New Territory. Nobel laureate Joseph E. Stiglitz on the coming global economic order, Newsweek, http://www.newsweek.com/id/191496. Vgl. auch Pfaff, Peggy, 30.3.2009, China und das Dollar-Dilemma, Handelsblatt.com, http://www.handelsblatt.com/journal/presseschau/china-und-das-dollar-dilemma;2219530, 1.4.2009.
  8. Übersetzung des Autors, "To resolve this problem a new Global Reserve System (…) could contribute to global stability, economic strength, and global equity. (…) The dangers of a single-country reserve system have long been recognized, as the accumulation of debt undermines confidence and stability. But a two (or three) country reserve system, to which the world seems to be moving, may be equally unstable. The new Global Reserve System is feasible, non-inflationary, and could be easily implemented, including in ways which mitigate the difficulties caused by asymmetric adjustment between surplus and deficit countries." Recommendations by the Commission of Experts of the President of the General Assembly on reforms of the international monetary and financial system, 20.3.2009, 11. http://www.un.org/ga/president/63/letters/recommendationExperts200309.pdf, 29.4.2009.
  9. Übersetzung des Autors, "The desirable goal of reforming the international monetary system, therefore, is to create an international reserve currency that is disconnected from individual nations and is able to remain stable in the long run, thus removing the inherent deficiencies caused by using credit-based national currencies." Xiaochuan, Zhou, 23.3.2009, Reform the International Monetary System, The People's Bank of China http://www.pbc.gov.cn/english/detail.asp?col=6500&id=178, 23.4.2009.
  10. Übersetzung des Autors, "A globally representative forum to address areas of concern in the functioning of the global economic system in a comprehensive way must be created. At a level equivalent with the General Assembly and the Security Council, such a Global Economic Council should meet annually at the Heads of State and Government level to assess developments and provide leadership in economic, social and ecologic issues. (…) Representation would be based on the constituency system, and designed to ensure that all continents and all major economies are represented. (…) It could thus provide a democratically representative alternative to the G-20." Ebd., 12.
  11. Übersetzung des Autors, "To suppose that there exists some smoothly functioning automatic mechanism of adjustment which preserves equilibrium if only we trust to methods of laissez-faire is a doctrinaire delusion which disregards the lessons of historical experience without having behind it the support of sound theory. [Laissez-faire] has been the fruitful source of all those clumsy hindrances to trade which suffering communities have devised in their perplexity as being better than nothing on protecting them from the intolerable burdens flowing from currency disorders. Until quite recently, nearly all departures from international laissez-faire have tackled the symptoms instead of the cause. International currency laissez-faire was breaking down rapidly before the war. During the war it has disappeared completely. This complete break with the past offers us an opportunity. Things are possible to-day which would have been impossible if they involved the prior disestablishment of a settled system." Keynes, John Maynard, 8.9.1941, Post-War Currency Policy. Zitiert nach Moggridge, Donald (Hrsg.), The Collected Writings of John Maynard Keynes, Volume XXV: Activities, 1940–44 – Shaping the Post-war World: The Clearing Union. Basingstoke: The Macmillan Press Ltd. 1980, 21-23.
  12. Übersetzung des Autors, "Moreover in the interval between the wars the world explored in rapid succession almost, as it were, in an intensive laboratory experiment all the alternative false approaches to the solution – (i) the idea that freely fluctuating exchange would discover itself a position of equilibrium; (ii) liberal credit and loan arrangements between the creditor and debtor countries flowing from the mere fact of an unbalanced creditor-debtor position, on the false analogy of superficially similar nineteenth-century transactions between old-established and new-developing countries where the loans were self-liquidating because they themselves created new sources of payment; (iii) the theory that the unlimited free flow of gold would automatically bring about adjustments of price-levels and activity in the recipient country which would reverse the pressure; (iv) the use of deflation, and still worse of competitive deflations, to force an adjustment of wage- and price-levels which would force or attract trade into new channels; (v) the use of deliberate exchange depreciation, and still worse of competitive exchange depreciations, to attain the same object; (vi) the erection of tariffs, preferences, subsidies et hoc genus omne to restore the balance of international commerce by restriction and discrimination." Ebd.
  13. Übersetzung des Autors, "It was only in the last years, almost in the last months, before the crash, that after the above trials and errors Dr. Schacht stumbled in desperation on something new which had in it the germs of a good technical idea. This idea was to cut the knot by discarding the use of a currency having international validity and substitute for it what amounted to barter, not indeed between individuals, but between different economic units. In this was he was able to return to the essential character and original purpose of trade whilst discarding the apparatus which had been supposed to facilitate, but was in fact strangling it. This innovation worked well, indeed brilliantly, for those responsible for introducing it, and allowed impoverished Germany to build up reserves without which she could scarcely have embarked on war. But as Mr. Henderson remarks, the fact that this method was used in the service of evil must not blind us to its possible technical advantage in the service of a good cause. 'If Germany', he points out, 'had wished for butter instead of guns or aeroplanes, there is no reason to doubt that Dr. Schacht's expedients would have enabled her to obtain the butter instead of the metal from overseas.' Moreover the use of this method with reckless disregard to the legitimate interests of the other party concerned is characteristic of the German handling of it and is not inherent, as we ourselves have shown in the variants of the method which we have devised and with the aid of which we are successfully maintaining our financial front even during the war." Ebd., 23.
  14. Keynes, John Maynard, Economic Possibilities for our Grandchildren, 1930. In: Essays in Persuasion. New York: W. W. Norton & Co. 1963, 358–373.
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